Nachruf 2020

Foto: EDF

Lieber Elhadj,

es ist kaum zu glauben, aber heute jährt sich dein tragischer Unfall zum zweiten Mal. An jenem 15.01.2018 kam ich, als wenn ich Unheil ahnte, etwas früher von einer Kaffeeeinladung nach Hause, da es zu frieren begann und auch Schneefall drohte. Wie so oft haben wir exakt zur gleichen Sekunde, das Gleiche getan: Wir waren beide auf dem Heimweg zu Menschen, die uns sehr nahe stehen. Gute 6.000 km lagen zwischen uns und wir hätten uns am Abend wieder über unseren jeweiligen Tag ausgetauscht. Doch dazu konnte es leider nicht mehr kommen. Von der einen auf die andere Sekunde sollte unser gemeinsamer Weg enden. Es ist an Tragik kaum zu überbieten, dass du wenige hundert Meter vor den Toren deines Lycée aus dem Leben gerissen wurdest. Elhadj, der liebevoll der „Deutsche“ gerufen wurde und der in seinem Leben schon tausende Kilometer auf diesem Erdball unbeschadet zurückgelegt hatte, war plötzlich nicht mehr da…

In den letzten 730 Tagen war es meine ganz persönliche, aber auch die Pflicht vieler deiner Freunde und Wegbegleiter, diesem unfassbaren Ereignis zumindest irgendeinen Sinn zu geben. Auf deutscher und senegalesischer Seite haben sich mit der Elhadj Diouf Foundation und der Association Koumby Saleh zwei Organisationen auf den Weg gemacht, die man ebenfalls als „Zwillinge“ bezeichnen kann. Wir sind nicht nur im beinahe gleichen Moment für das Fortleben deiner Vision von Bildung, Begegnung und Jugendpartizipation „geboren“, sondern haben in den vergangenen Monaten auch bewiesen, dass wir gemeinsam, ohne Eitelkeiten und persönliche Interessen, für diese eine Welt einstehen. So wie man uns zwei stets zusammen erlebt hat, so wie wir uns gegenseitig inspiriert und für die Sache vereint haben, so arbeiten auch EDF und AKS Hand in Hand. Durch unsere Zusammenarbeit vergeht kein Tag, an dem dein Name nicht genannt wird. Vor kurzem hörte ich aus dem Senegal: „Es ist, als sei Elhadj noch unter uns. Er lebt weiter durch unsere Taten, mehr konnten wir auf Erden nicht erreichen.“ Der Montag ist mittlerweile der „Jour d´Elhadj“ und der bereits zum zweiten Mal verliehene Elhadj Diouf Award motiviert Jugendliche, in denen du weit vor Fridays for Future die Zukunft unserer Welt gesehen hast. Das im April gegründete Alumni-Netzwerk hat großartige Ideen und wir können auch hier auf positive Überraschungen gespannt sein.

Es sind immer noch so viele Orte und Begegnungen, die mich im vergangenen Jahr an besondere Momente mit dir erinnert haben. So bekam ich von deinem Bruder, natürlich sind unsere Familien weiter eng verbunden, eine deutsche Weihnachtsnachricht mit der Bitte um Antwort „unter Deutschen“. Es stellte sich heraus, dass dir jemand aus Deutschland frohe Feiertage wünschen wollte, ohne zu wissen, dass du nicht mehr am Leben bist. In dem Moment, als ich die traurige Botschaft überbrachte, spürte ich wieder, was du mit den Menschen, die dich getroffen haben, gemacht hast. Du hast sie im Herzen erreicht und bist ihnen im Gedächtnis geblieben. In Kaolack habe ich einen Kioskbesitzer informiert, der sich wunderte, dass du deinen Kaffee nicht mehr bei ihm holst. Von vielen Menschen aus Kaolack weiß ich, dass ihnen das Ausbleiben guter Taten gezeigt hat, dass du es warst, der stets geteilt und anderen Menschen heimlich geholfen hat. Dir ging es nie um dich, nie um egoistische Motive oder übertriebene Wertschätzung – du warst so groß, weil du eigentlich immer klein bleiben wolltest.

Ob im Auswärtigen Amt, in der Autostadt, am Ortsschild von Osterode, im Gespräch mit den Damen des PAD oder am Flughafen Dakar, ich werde an so vielen Stellen an unsere gemeinsame Wegstrecke erinnert, dass man wirklich sagen kann: Hier hat jemand, nämlich du, seine Spuren hinterlassen…

Auf schulischer Ebene konnten wir auch im vergangenen Jahr eine Begegnungsreise realisieren, die wir beim heutigen Filmabend noch einmal hochleben lassen. In wenigen Wochen werden wir erstmals mit einer Delegation bestehend aus Schule, Kommune und Stiftung nach Kaolack reisen. Das „Osteroder Modell“ ist bundesweit bekannt und es hat mich besonders gefreut, dass du bei der Verleihung der EINE Welt-Medaille in Bonn als herausragender und unvergesslicher Partner geehrt wurdest. Das und eigentlich auch die Auszeichnung hast du dir mehr als verdient.

Besonders stolz macht mich, dass dein wenige Tage vor dem Unfall geäußerter (damals vielleicht nicht ganz ernst gemeinter) Traum von einem „Grundstück in Kaolack für die Jugend und unsere Partnerschaft“ Wirklichkeit wird. Im Rahmen unserer ersten Stiftungsreise haben wir wenige hundert Meter entfernt von dem Ort unseres Gespräches ein Grundstück erworben, auf dem in naher Zukunft die Ecole Elhadj Mamadou Diouf entstehen soll. Zudem wird das Maison Bleue in deinem Viertel als Krankenstation dienen und Menschen von jung bis alt bestmöglich versorgen. Die zweite Stiftungsgala war erneut ausverkauft und die privaten bzw. Firmen-Unterstützer unserer Stiftung werden immer mehr. Vive le pont, es lebe die Brücke!

Es war zudem ein besonderer Moment, die kommunale Delegation zum zweiten Mal in der deutschen Stadt (Osterode am Harz) zu empfangen, für die du sie seinerzeit begeistert hast. Auch hier sind wir auf einem sehr guten Weg, gemeinsam unseren Beitrag zur Umsetzung der Agenda 2030 zu leisten. Die Begegnung mit deiner Schwester aus Belgien, deine Präsenz in einem sehr persönlichen Fotoalbum für unsere kleine Tochter als „Onkel Elhadj“ und die Tatsache, dass deine „deutschen Eltern“ zeitnah nach Kaolack reisen werden, sind weitere Bausteine unserer gemeinsamen Geschichte. Du hättest bei dieser Entwicklung sicher gesagt: „Ihr seid total verrückt.“ Wahrscheinlich ist genau das der Grund, warum eine Kollegin, ein Allgemeinmediziner, ein Bürgermeister im Ruhestand, ein Fernsehpreisträger und einige andere einen Großteil ihrer Freizeit für diese gemeinsame Sache verwenden.

Das, was wir tun, fühlt sich wichtig, richtig und sinnvoll an.

In einem Jahr kann ich dir hoffentlich von weiteren unvergesslichen Begegnungen in Kaolack bzw. Osterode sowie von der Fortentwicklung der beiden Großprojekte und einigem mehr berichten.

Es bleibt spannend und wir glauben fest daran: „Das Beste kommt noch.“

Ruhe in Frieden, lieber Kollege, Freund und Bruder.

Gno far – toujours ensemble – in der Sache vereint.

PS : Im Rahmen der mir stellvertretend für uns beide verliehenen Auszeichnung „Ambassadeur de                     l´Humanité“ hat eine Schülerin gesagt: „Ich finde es beeindruckend, dass diese Freundschaft, die mit einer einfachen Brieffreundschaft begann, mittlerweile so vielen Menschen einen anderen Blick auf die Welt gegeben hat.“

Besser könnte man unseren Antrieb für eine friedliche, freundschaftliche und kooperierende Welt nicht zusammenfassen…

Wulften, im Januar 2020

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