Nachruf 2026

Lieber Elhadj,

und wieder ist es Mitte Januar… In dieser Woche, nein, in deiner Woche spielt das Land der Gastfreundschaft eine zentrale Rolle für mich und viele Menschen: Die Löwen kämpfen in Marokko um den Finaleinzug des Afrika-Cups und ich musste mich so oft an deine Worte erinnern, was einen möglichen Gegner anbelangt („Kamerun und Elfenbeinküste – das sind unsere Angstgegner“)…Zum Glück ist es anders gekommen und der Traum vom zweiten Titel lebt (noch)! 

Traum ist das Stichwort: In wenigen Monaten kommt es bei der Fußball-WM zum Duell mit Frankreich. Auch hier klingen deine Worte in meinem Ohr, als sei es gestern gewesen: „Ich werde unseren Sieg über Frankreich bei der WM 2002 niemals vergessen. Das ist unser zweiter Nationalfeiertag.“

Überhaupt sind es die vielen Gespräche, Erinnerungen und gemeinsamen Begegnungen mit unzähligen Menschen, die immer noch – ganze 8 Jahre nach dem tragischen Unfall – nachwirken. Ein unglaubliches Erlebnis durfte ich vor einigen Monaten über den Dächern von Berlin erleben im Rahmen einer Feierstunde des BMZ. Plötzlich stand eine Weggefährtin von dir neben mir und wir schwelgten minutenlang in Erinnerungen an Momente mit dir. Es war, als hätten wir uns schon ewig gekannt, dabei war sie mir und ich ihr eigentlich fremd. Wenn mich jemand fragen würde, was deine besondere Stärke war, dann würde ich genau solche Situationen nennen:

Du warst / bist Brückenbauer. Du konntest / kannst Menschen zusammenbringen und diese Eigenschaft wird in Zeiten wie diesen mehr denn je gebraucht. 

Überhaupt ist diese Woche besonders: Beinahe 300 Menschen werden am Sonntag ins Herzberger Kino strömen und den Film unserer letzten Reise anschauen. Unsere Vision, die Erlebnisse immer auch mit anderen zu teilen, kann gar nicht bildreicher und emotionaler umgesetzt werden. Die Zuschauer werden sehen und spüren, was das Besondere unserer Brücke ausmacht: Es sind immer die Menschen, die Situationen und das Verbindende. Unvergessen, wie du einst am Stadiontor von Hannover 96 mit MameDiouf kommuniziert und ihn zu einem Treffen motiviert hast. Genau jener Mame Diouf betreibt eine Fußballschule in Dakar, die wir uns – von seinem Bruder – haben zeigen lassen. Als ich die Klinke des Dioufschen Elternhauses berührte, habe ich mich gefragt, wie dort wohl alles seinen Anfang nahm und was du vor Ort gedacht hättest. Sicherlich hättest du meinen souverän verwandelten Siebenmeter mit den Worten „Bitte wiederholen, der Schiri hat noch nicht gepfiffen.“ oder ähnlich ironisch kommentiert. Der Aufforderung, doch selbst zu schießen, wärst du zögerlich, aber dann doch nachgekommen… Ach, wir hätten hier und in tausend anderen Situationen unseren Spaß gehabt. So wie es immer war… 

Auch das Ringen, was wir bei unserer ersten Reise in Ndangane im Mai 2015 noch passiv auf der Straße bestaunten, konnten wir bei dieser Reise aktiv miterleben. Wahnsinn, was diese Momente mit Jugendlichen (und auch uns Erwachsenen) machen. So war es zu unserer gemeinsamen Zeit und so ist es auch heute: Der Zauber des Ganzen liegt – wie schon betont – in den Begegnungen. 

Als du mir damals von einem Freund erzähltest, der als Schleuser tätig gewesen war, konnte ich das kaum glauben. All das schien so fern und so unwirklich, doch wir sind längst keine fremden Gäste mehr in Senegal, wir erleben das Land in vielen Facetten von innen heraus. Und so ist es mittlerweile gelebte Tradition, auch mit Fischern über Migration und Klimawandel zu sprechen. Erneut erinnere ich mich an deine damalige Übersetzung eines Mannes am Strand von wolof auf Deutsch: „Europa ist mein Lebenssinn. Ich werde es wieder versuchen.“ Das kriege ich nicht mehr aus dem Kopf, wenn ich Nachrichten schaue oder Lanz’ Sendung zum Thema „Flucht“ bzw. die politischen Diskussionen im vermeintlichen El Dorado Europa verfolge. Du hast immer darauf gedrungen, die Lösungen in den Ländern selbst mit den Menschen zu entwickeln. Du warst genau ein solches Beispiel wie es auch Djibril ist und auch Moustapha, der sich gegen illegale Migration stark macht. Wie stolz wärst du auf deinen Ziehsohn Elhadji, der mittlerweile selbst Lehrer ist und bewusst etwas in Senegal aufbauen möchte. Er wird in wenigen Wochen ein Handballcamp auf dem Sportplatz des Bildungskomplexes durchführen, der deinen Namen trägt.

A propos: Von so vielen Seiten wurde mir respektvoll bescheinigt, dass es uns gelungen sei, mit dem Kindergarten, der Grundschule und dem gesamten Bildungsort deinen Namen zu verewigen. Natürlich ist das schön, doch war der Urantrieb, deine Ideen und deine Visionen an diesem Ort fortleben zu lassen. Das erste Schuljahr wurde mit Bravour von deinen Freunden der AKS und den Lehrkräften bzw. Erziehern gemeistert. Der Komplex EMD hat Bestnoten von den Behörden bekommen und seit November läuft das zweite Schuljahr.

Auch hier ist diese / deine Woche besonders: Der Unfall vom 15. Januar 2018 geschah an einem Montag, seitdem ist dieser Wochentag für mich „le jour de Elhadj“. Genau an diesem Tag ist die Schulkantine gestartet, endlich können Kinder, die sonst ohne Essen bleiben müssen, eine Stärkung für den Tag und somit auch die Chance auf Bildung bekommen. Genauso historisch – am gleichen Tag – ist der erste Schülertransfer zu bewerten. Dank der Unterstützung der HDZ verfügt der Bildungskomplex über einen eigenen Bus und wir können neben der Praktikabilität vor allen Dingen mehr Sicherheit gewährleisten. Aus den bekannten Gründen ist die Fahrt auf dem Rücken eines Djakarta-Mofas ein Himmelfahrtskommando, das ich nicht nur unseren Jugendlichen bei jeder Reise untersage, sondern – wie du ja genervt festgestellt hast – auch selbst niemals wagen würde. 

Es steckt einfach noch immer und wahrscheinlich für immer so viel Elhadj in unserer Brücke. Besonders klar ist mir das geworden, als ich vor Weihnachten an einem Podcast zu unserer Geschichte teilgenommen habe. Im Erzählen merkten das Moderatorenduo und ich wie unglaublich unsere gemeinsame Geschichte eigentlich ist, wie viel Zufall, wie viel Schicksal und wie viel Freundschaft und gemeinsames Herzblut in jeder Faser des Berichtens stecken. In diesem Rahmen und immer wieder gegenüber Stiftungen, Firmen, Prominenten, Schulklassen etc. beginne ich bei unserem Mailverkehr im März 2012. Ich erzähle davon, wie du zufällig zu einem Deutschlehrerseminar in unsere Nähe kamst, wie du an einem Freitag erstmalig auf mich im Lehrerzimmer trafst, wie du die Klassen in deinen Bann gezogen und mich sehr schnell in Richtung Begegnungen hast träumen lassen. Wenn die Delegationen hier sind (wie immer im Spätsommer) schauen wir uns den gemeinsam gepflanzten Baum in unserem Garten an, seit diesem Jahr kommt man dort nur über die frisch gepflasterte Elhadj Diouf Avenue hin. Auch das Ortseingangsschild von Wulften ist ein beliebtes Motiv der Erinnerung an dich neben vielen weiteren. Deine Liebe zu Pferden entdecke ich durch meine Tochter Schritt für Schritt selbst und ich bin mir sicher, dass du stolz wärst auf die von Lea vorangetriebene Kooperation der beiden Kindergärten. Wir haben nie nur in Schule gedacht und tatsächlich sind die Kleinsten so neugierig auf diesen anderen Teil Welt. Du hättest deine Freude gehabt, im Morgenkreis über deine Hautfarbe zu sprechen (Unser Lieblingswitz war: „Du schwarz.“ – „Ich weiß.“), mit den Kleinen zu spielen und von Löwen, Baobabs und mehr zu berichten. 

Wir werden weiterhin alles geben, auf dass der Bildungskomplex EMD vielen Generationen als Start in eine selbstbestimmteZukunft dient. Wenige hundert Meter von diesem Ort entfernt träumtest du einst von einer kleinen Parzelle für ein kleines „Haus Osterode“. Manchmal muss man klein denken, Tragik überwinden, groß träumen und gemeinsam das schier Unmögliche möglich machen. 

In wenigen Wochen werden wir mit über 20 Personen vor Ort in Kaolack sein. Spätestens dann spüre ich wieder, welch unschätzbaren Wert die Schülerbegegnungen (trotz aller Antragshürden und Schreibtischtage für uns Lehrer) haben und wie unersetzlich reale Begegnungen sind. Neben dem Geplanten werden wieder zahlreiche unvorhersehbare Zufälle (?) geschehen und wieder wird die Brücke um Menschen, Projekte, Ideen, Visionen wachsen.

So wie du es zu mir immer gesagt hast, würdest du sicherlich auch auf Dominik Singers Plan, zu Fuß von Kaolack nach Osterode zu laufen, reagieren: „Du bist völlig verrückt.“ Vielleicht ist genau das der Grund, warum wir all das hier seit Jahren tun und zwar gerne und mit voller Überzeugung.

Besonders gefreut hat mich die Rückmeldung einer mitgereisten Frau im Anschluss an die Reise vor einem Jahr. Sie schrieb: „Jetzt habe ich verstanden, warum du so für die Sache brennst.“

Sicherlich kann ich nicht jeden und jede mit ins Land der Gastfreundschaft nehmen, um sie / ihn vom Tiefsinn unserer Brücke zu überzeugen. Aber, davon bin ich überzeugt, die Junior-Botschafter*innen und deren Familien sowie unsere Brückenfreunde werden genau das in die Welt tragen. EINE Welt beginnt bei jedem selbst. EINE Welt beginnt im Herzen und sie wird immer zwischen Menschen gelebt. Du hast immer davor gewarnt, unsere Brücke dürfe nicht „politisiert“ werden. Das ist bis heute nicht passiert und es wird auch nicht geschehen. Vielleicht sind wir alle – wie du ja immer meintest – wirklich die wahren Diplomaten in einer immer komplizierter werdenden Welt. Wie dem auch sei: „Das Beste kommt noch.“

PS: Vielleicht wird der 16.06.26 ja zum dritten Nationalfeiertag deines Heimatlandes. Einen Tag nach deinem Geburtstag, das hätte doch etwas…

PS 2: In meinem Archiv stieß ich auf die Nachricht deines in Irland lebenden Freundes. Er sagte 2018 über dich:

„Elhadj war einer der freundlichsten und fürsorglichsten Menschen, die ich je traf. Er versuchte immer, andere Menschen zu unterstützen, er war immer erreichbar und bemüht, anderen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Er war eine großartige Lektion in puncto Menschlichkeit. Er hat nie geklagt, sondern immer eine positive Herangehensweise vorgelebt. Es ging ihm immer um Lösungen, auch das können wir von ihm lernen. Es ist eine Ehre und Pflicht, seinen Weg fortzusetzen…“

Manchmal sagen 74 Worte mehr als tausend…

Ruhe in Frieden, Brückenbauer, Bruder, Visionär!

Tobias

Wulften, 12.01.2026 (Montag – le jour de Elhadj)

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